ERFURT Dom St. Marien
Bestandserfassung und konzeptionelle Vorbereitung der Konservierung und Restaurierung
Das Chorgestühl im Dom St. Marien befindet sich in der wahrscheinlich zweiten Chorerweiterung.
Die Grundsteinlegung für den Chor wird für den 25.03.1349 und die Fertigstellung zwischen 1370 und 72 angenommen. Da selbst die Grundsteinlegung und Fertigstellung des Hochchores bislang nicht zweifelsfrei feststeht, ist das Gestühl ebenso wenig genau zu datieren.
Die Entstehungsgeschichte des Chorgestühls, insbesondere die Entstehungszeit, wurde über lange Zeit fast ausschließlich nach kunsthistorischer Wertung vorgenommen. Damit lagen natürlich die Meinungen mehr oder weniger weit auseinander. Die Mehrzahl der Autoren, welche in ihren Veröffentlichungen versuchen das Gestühl einzuordnen, geben als Entstehungszeit etwa die Mitte des 14. Jh. an.
Im Zusammenhang mit den restaurierungsvorbereitenden Untersuchungen ist nun durch dendrochronologische Analysen 1 als Fälldatum das Jahr 1329 für das verwendete Eichenholz ermittelt worden. Weiterhin ließen sich zwei Hölzer (Tanne) der Untergrundkonstruktion in das Jahr 1364/65 datieren.
Man darf sicherlich annehmen, dass die regionalen Standartkurven der Dendrochronologie weitestgehend zweifelsfrei sind. Auch die bisherigen Datierungen aus kunsthistorischer Sicht liegen nicht weit von der dendrochronologischen Datierung entfernt. Doch genügen alle bisherigen Untersuchungsergebnisse immer noch nicht, um die Entstehungsgeschichte des Chorgestühls zweifelsfrei aufzuklären.
Die aus restauratorischer Sicht vom November 2002 bis April 2003 durchgeführte Be- und Zustandserfassung sollte keine weiteren Thesen zur Entstehungsgeschichte des Gestühls zur Folge haben. Feststellungen, die in diesem Zusammenhang gemacht werden konnten, erhoben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, könnten jedoch weitere Informationen zur Entstehungs- und Umbaugeschichte liefern.
Die Untersuchung des Chorgestühls war Teil der gesamtkonzeptionellen Arbeit für die Restaurierung des Hochchores. Wesentlicher Inhalt der Untersuchungen des Gestühls sollte die Klärung der Fragen nach dem Be- und Zustand sein. Hierzu waren zunächst Bestandsaufnahmen und Untersuchung vor Ort durchzuführen. Der nächste Bearbeitungsschritt beinhaltete die Zustandserfassung des Gestühls im Gesamten und im Detail. Die Be- und Zustandserfassung erfolgte nach Bauteilen bzw. Werkstücken getrennt mittels einer Datenbank. Durch das Arbeiten mit einer Datenbank bot sich die Möglichkeit den Be- und Zustand nach unterschiedlichen Fragestellungen effektiv auszuwerten. Ferner stellt die Datenbank auch die Dokumentationsgrundlage für die durchzuführenden Maßnahmen dar und kann perspektivisch zur weiteren wissenschaftlichen Vervollständigung und Auswertung herangezogen werden.
Sämtliche Befunde, Untersuchungsergebnisse und Analysen waren auszuwerten sowie die Schadmechanismen zu klären, bevor Bearbeitungsvorschläge für die praktische Umsetzung in einem Zielkatalog zusammengefasst werden konnten. Nachdem der Zielkatalog mit allen Beteiligten abgestimmt war, konnte dieser in ein ausführungsorientiertes Maßnahmekonzept, mit entsprechender Leistungs- und Technologiebeschreibung, überführt werden.
Neben den restauratorischen Untersuchungen erfolgten weiterhin:
- Raumklimamessungen im Chorbereich
- vermessungstechnische Bestandserfassung
- holzschutztechnische Begutachtung
- Erarbeitung eines statischen Konzeptes für die Unterkonstruktion
Be- und Zustand
Das Chorgestühl mit seinen insgesamt 82 Stallen besteht aus einer vorderen und hinteren Sitzreihe. Unter den Sitzreihen befinden sich Streifenfundamente aus grob zugerichteten Sandsteinquadern. Für die Luftschutzeinbauten im 2. Weltkrieg ist der vordere Streifen überbetoniert worden.
Alle sichtbaren Oberflächen des Eichenholzes sind mit mindestens zwei dunkel pigmentierten, wachshaltigen Lasuren behandelt worden. In jüngster Vergangenheit folgten weitere farbliche „Ausbesserungen“.
Die Gewölbe des Baldachins waren ursprünglich polychrom gefasst. Als Erstfassung konnte ein blauer Fond mit roten Sternen nachgewiesen werden.
Das Chorgestühl war in seiner Substanz hauptsächlich durch Abnutzung, Feuchteschäden, holzzerstörende Insekten und Destruktionsfäule geschädigt. Leichter Schimmelbesatz und Salzausblühungen, infolge einer früheren chemisch bekämpfenden Holzschutzmaßnahme, haben bislang noch keine gravierenden Substanzschäden bewirkt.
Die Verluste bildkünstlerischer Details existieren in einer Vielzahl. Jedoch beschränken sie sich auf kleinste Bereiche und werden erst bei intensivster Betrachtung augenscheinlich.
Konstruktive Schäden als Folge vom Materialschäden sowie Umbau- und Umgestaltungsmaßnahmen entstanden durch Lastumlagerungen und sind in Form von Neigungen, Verformungen, Rissen und offenen Verbindungen feststellbar. Die geöffneten Bereiche der Unterkonstruktion zeigten deren desolaten Zustand überdeutlich, so dass die zum Teil nur noch begrenzt vorhandene Lastaufnahmefähigkeit einen der Hauptgründe für den Handlungsbedarf darstellte.
Die Schäden an der polychromen Fassung sind unter dem überdeckenden braunen Anstrich verborgen, weder der Umfang des Erhaltungsbestandes noch der Zustand waren daher präzise zu bestimmen. Insgesamt liegt hier ein heterogenes Schadensbild innerhalb der Grenzfälle Totalverlust flächendeckende Erhaltung vor.
Maßnahmen
Unter Berücksichtigung der Entstehungs- und „Restaurierungsgeschichte“ des Gestühls kam für die anstehende Bearbeitung einzig das heutige (respektive 2002) Erscheinungsbild in Frage. Rückbauten und „Entrestaurierungen“ erfolgten vom rein methodischen Standpunkt aus gesehen nicht, denn in seiner derzeitigen Erscheinung hat sich das Chorgestühl mit der gesamten Innenraumsituation des Chores entwickelt. Es ist somit nicht als Einzelobjekt zu werten, sondern als Bestandteil des Chorraumes anzusehen. Zwar haben verschiedene Gegebenheiten, wie die teilweise Zerstörung 1813, „Restaurierungen“ erfordert, bis hin zur Aufstellung der Pulte um 1970 ist das Gestühl jedoch immer entsprechend der Nutzung umgestaltet und bearbeitet worden. Sicherlich berücksichtigte jede dieser Maßnahmen auch die Gesamtgestaltung des Chorraumes. Ob dies in jedem Fall gelungen ist, kann und darf nicht mit heutigen Maßstäben gemessen werden.
Die Bearbeitung des Chorgestühls zielte weder auf gestalterische Veränderung noch auf die Vervollständigung fehlender Teile, sofern nicht konstruktiv erforderlich. Selbst eine Reduzierung der aufliegenden Lasuren ergab sich weder aus konservatorischen Gründen, noch war diese aus methodischen und gestalterischen abzuleiten.
Lediglich eine Reinigung aller Oberflächen wurde vorgenommen, die neben der Entfernung von Staub und festen krustenartigen Auflagerungen auch das Entfernen von qualitätlosen, partiellen farblichen Nachbehandlungen beinhaltete.
Die Ertüchtigung der Konstruktion durch Wiederherstellung der konstruktiven Zusammenhänge stellt neben der Konservierung der Materialien eine der Hauptaufgaben bei der Bearbeitung dar.
Die Werkstücke selbst konnten in desolaten Bereichen konsolidiert werden und fehlende oder zerstörte Holzbefestigungen und verbindungen wurden ersetzt.
Sämtliche Teile des ursprünglichen Stützbaus sind konserviert und wiederverwendet worden. Da der ursprüngliche Stützbau trotz Konservierung nicht mehr geeignet war, die entstehenden Kräfte aufzunehmen, wurde eine Stahlunterkonstruktion eingesetzt, welche nun den alten Stützbau entlastet. Durch diese Stahlkonstruktion hat sich der Raum zwischen Wand und Gestühl vergrößert, so dass nunmehr eine bessere Hinterlüftung des Gestühls stattfinden kann. Eine im Fußbereich der Wand angebrachte Heizschleife unterstützt die Hinterlüftung und hält die anstehende Feuchtigkeit ab.
Konsequenterweise wäre die Konservierung der Materialien und der Konstruktion die alleinig anstehende Aufgabe. Da das Chorgestühl im Erfurter jedoch nicht ausschließlich als Exponat erscheinen soll, sondern auch weiterhin im Dienst seiner liturgischen Bestimmung steht, musste auch dieser Nutzungsanspruch ausreichende Berücksichtigung finden. Hier bestand Handlungsbedarf an den Sitzbrettern, die sich aufgrund früherer Reparaturen sehr unterschiedlich zeigen und mitunter auch durch die vorhandenen Schäden ein Verletzungsrisiko darstellten. Die Erneuerung der Sitzbretter ist eine über die Jahrhunderte nachvollziehbare Instandhaltungsmaßnahme am Gestühl. Aus dieser gingen die unterschiedlichsten Arten und Qualitäten hervor.
Die Untersuchungen verdeutlichten, dass das Chorgestühl im Dom St. Marien für die Bearbeitung gesamt demontiert und wieder aufgestellt werden musste. Alternativ hätte dem Gestühl seine liturgische Funktion entzogen werden müssen, wobei auch im verbauten Zustand Maßnahmen erforderlich gewesen wären, die sich in die „Instandsetzungsversuche“ der letzten Jahrhunderte eingereiht hätten.
Ganz besondere Erwähnung verdient der biologische Holzschutz. Dem Holzschutzgutachter Erhard Heinemann ist es zu verdanken, dass die Konservierung wieder um eine innovative, objektverträgliche Methode reicher geworden ist.
Oft bedarf es nur dem wirklichen Interesse an der „Berufung“. Verbunden mit ein wenig interdisziplinärer Kommunikation lassen sich oft Ergebnisse erzielen, deren Tragweite von den Protagonisten meist nicht erkannt wird.
Als Architekten, Restauratoren und Ingenieure, möchte die pons asini PG hiermit Erhard Heinemann Dank und Anerkennung aussprechen und freut sich auf eine weitere gute Zusammenarbeit.
Siehe auch : Biologischer Holzschutz
1 Dendrochronologische Untersuchungen durch Dipl. Holzwirt Thomas Eißing, Otto-Friedrich-Universität Bamberg